Osterpredigt von Ludwig Scherer

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Liebe Gemeinde, liebe Leserin, lieber Leser,

draußen im Weltraum, im unendlichen Kosmos, gibt es sog. „Schwarze Löcher“.                              Man sieht nichts von ihnen, aber ihre Wirkung ist verheerend. Sie bewirken eine Krümmung von Raum und Zeit.

Sterne, Staub, Gas, Unmengen Materie,  ja sogar Licht, ziehen sie wie in einem  strudelartigen Abgrund in sich hinein. Alles verschwindet darin und ist nicht  mehr zu sehen. Alles Licht ist aus. Die Zeit bleibt stehen. Tödliches Schweigen.

Jedes Grab kann zu einem solchen Schwarzen Loch werden. Dann verschwindet alle Freude, alles Lachen, alles schöne Erleben darin. Wie das Licht im Weltraum wird der Glanz bisherigen Lebens aufgesogen.

Manche Menschen stehen am Rande eines solchen Grabes und fühlen einen Sog der Traurigkeit, der sie da hinunterziehen möchte.

Oftmals ist dann auch der Glaube an einen guten Gott im Himmel mit in Gefahr, in das Loch gerissen zu werden.

Und bisweilen steht auch Kirche am Rande eines solchen „Schwarzen Lochs“ und muss zusehen, nicht vollends hineingerissen zu werden in einen verheerenden Strudel, wo sich das Licht der Glaubwürdigkeit, der Autorität, der Bedeutsamkeit aufzulösen droht im Bewusstsein nicht weniger Zeitgenossen, hinein ins Nichts der Bedeutungslosigkeit.

Maria, die aus Magdala, die am Grab steht, weiß nichts von astronomischen Vorgängen.

Aber das weiß sie, dass der helle Glanz ihres Lebens verglüht ist.

Nach schwerer Zeit in früheren Jahren hatte der sie glücklich gemacht,

der jetzt getötet war. Er hatte sie zu einer befreiten Frau gemacht, die ihr Leben dankbar lebte.

Und nun zieht es ihre Lebensfreude, ihr Glück hinein in das dunkle, schwarze Loch, vor dem sie steht. Wie in einem Strudel wird verschluckt, was neues Leben und ihre Hoffnung war.

Darum: Maria weint. Es ist gut, wenn man es noch kann.

Es gibt Situationen, da kann man es nicht mehr. Wenn die letzte Kraft zum Weinen wie erstarrt ist.

Maria weint.  In ihren Tränen fließt Erinnerung. An gute Stunden –

Wie schnell sie doch vergehen.

Und Liebe. Wie schrecklich, wenn auch die Zeit der Liebe abgelaufen ist.

Maria weint um Jesus. Maria weint um ihr eigenes Leben.

Sie lässt den Tränen freien Lauf.

Vielleicht weiß sie um den Trost des Beters aus dem Alten Testament:

„Gott, du sammelst meine Tränen in deinen Krug, ohne Zweifel, du zählst sie.“                 ( Ps. 56,9 )

Das Loslassen der eigenen Möglichkeiten im Weinen, in der Trauer kann ein Vorhof für Ostern sein.

Ja, wann wird denn Ostern für uns? – Der Kalenderzettel reicht nicht aus. Auch nicht die Schokohasen und Schokoeier von Lindt, Milka, Niederegger und anderen. Was uns anspricht, sind persönliche Erfahrungen und Begegnungen.

Dass Gott uns anspricht. – Er nur kann noch helfen. So ist es.

Wenn man Gott braucht, nützt es wenig, wenn man ihn gestern noch gehabt hat. Damals- bei der Konfirmation, in der Jugendgruppe, damals, als der Glaube fest war.

Er kann abhanden kommen, manches Mal wird er geradezu verlegt, wie die verlegte Brille, die Scheckkarte, der Autoschlüssel. Gestern habe ich

ihn bestimmt noch gehabt.

Maria weiß: Gestern hat er bestimmt noch hier gelegen.

Ja, wenn man Gott braucht, nützt es wenig, wenn man ihn gestern noch gehabt hat. Sag mir, wo sie ihn hingelegt haben.

Wenn du weißt, wo die Lösung meines Problems liegt, dann sag es mir.

Der Auferstandene ist nicht verlegt. Er steht hinter ihr. Ganz dicht.

Wenn sie es doch glauben könnte. Aber- sie soll ihn sehen.

Die beiden Boten Gottes hatten sie schon teilnahmsvoll angesprochen:
„Warum weinst du?“ – Das tut gut, wenn jemand am Kummer Anteil nimmt. Aber Ostern ist es da noch nicht.

Bevor es Ostern werden kann, wird Maria, werden wir gefragt, warum es tief in uns weint.

Es ist seltsam: Maria hat Jesus  schon wahrgenommen, hat seine Stimme schon gehört – und hat noch nicht erkannt, was das für sie – und für die ganze Welt- bedeutet.

Ja, Wahrnehmung allein gibt noch keine Erfahrung. Sie muss das Wahrgenommene  in einem anderen Licht deuten lernen.

„Maria“, so muss er sie selber anreden. So muss sie sich ganz persönlich angesprochen fühlen.

Es ist so wichtig, dass ein Mensch persönlich angesprochen, bei seinem Namen genannt wird, und so berührt in seinem Innersten. Dann kann sich ein Geschehen, und sei es noch so bedrückend, zu einer Begegnung und Gotteserfahrung mit dem lebendigen Christus kehren. Dann können Frieden und Ruhe, Klarheit und Freude einkehren. Dann wird Schalom, Dann wird Ostern.

Dann, wenn ein Mensch sich in seinem Innersten berührt weiß.

Nicht auf unsere Glaubensstärke kommt es an. Entscheidend ist, dass wir uns anreden lassen. Maria, Ludwig, wie auch immer wir heißen.

Er redet uns persönlich an, er meint uns, er gibt uns nicht verloren.

Was für ein Glück!

Bei allem Glück: Rühr mich nicht an, noli me tangere. Maria darf nicht klammern. Es wird nichts so weitergehen wie bisher. Auferstehung ist mehr als die verbesserte Fortsetzung des bisherigen. Mehr als glückliche Lebendigkeit. Eine neue Wirklichkeit ist es, in die Jesus Maria ruft, beruft.

Sie kehrt zurück. Aber nicht einfach in das alte Leben.

Kehr um, wende dich deiner Zukunft entgegen.

Sie hat ein neues Lebensthema. Geh hin, und erzähl es den andern:

Der Gott, der sich entzieht, ist der Gott, der bei uns ist.

Die am Anfang in Trauer gebeugte Maria geht am Ende aufrecht zu ihren Brüdern. Sie hat Jesu Nähe als heilende und aufrichtende Kraft erfahren.

Jesu Nähe als heilende Kraft für alle, die den Sog vonTraurigkeit in sich spüren ?!

Und Jesu Nähe als heilende Kraft für eine Kirche, die sich in bedrohlicher Nähe eines „Schwarzen Lochs“ befindet ?!

Vielleicht ist Ostern ja auch die Einladung, wieder aufrecht durchs Leben zu gehen. Mit dem Ziel, die Verbindlichkeit und Kraft der Liebe Gottes zu verkünden  –  und zu leben.

Amen.

Ludwig Scherer                                                                  Ostern 2020

       Pfarrer                                                                                Bad Tölz