Predigt vom 14. März 2021

Veröffentlicht in: Allgemein | 0

Gnade sei mit euch, und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn, Jesus, dem Christus

Liebe Gemeinde,

so haben wir vorhin die  Lesung aus dem Evangelium  des Markus

gehört, die überschrieben ist mit den Worten:  „Die Salbung Jesu

in Bethanien.“

Diese Begebenheit aus dem Leben Jesu, kurz bevor er gefangen

genommen wird, hat mich erinnert an den Satz des deutschen Lyrikers

Rainer Maria Rilke: „Nie erfahren wir unser Leben stärker als in großer

Liebe und tiefer Trauer.“

Nochmals: „Nie erfahren wir unser Leben stärker als in großer Liebe

und tiefer Trauer.“

Es könnte dies ein übergeordneter  Gedanke dieser in der Tat

ungewöhnlichen Schilderung des Markus sein. Ja, es geht um Trauer

und um Liebe.

Zuerst: Wir stehen mitten in der Passionszeit, in wenigen Tagen

begehen wir den Karfreitag, den Tag der Klage   – was das

althochdeutsche Wort „kara“ ja auch bedeutet: Klage, Kummer, Trauer.

Die Klage, der Kummer, der Schmerz, die Trauer darüber, dass Jesus

hingerichtet wurde, veranlasst durch das Synhedrium, also die

damalige weltliche und religiöse Obrigkeit.

In diesen Tagen, kurz vor seiner Hinrichtung, kommt Jesu

auf seinem Pilgerweg  zum jährlich stattfindenden Passah / Pesachfest

in Jerusalem auch durch Bethanien, ein winziges Dorf östlich von

Jerusalem , so 3 km entfernt.

In diesem Dorf Bethanien, zu Deutsch „Armenhausen“, hat ein

gewisser Simon, der einstmals Leprakranke, seine Hütte. Er wohnt dort,

und wie er Jesus kommen sieht- die beiden sind –kann man so sagen-

Freunde, lädt er ihn ein zum Essen, zusammen mit ein paar anderen.

Also eine reine Männerrunde, die da zum Essen  zusammensitzt, oder

genauer übersetzt :  liegt, also auf Polstern auf dem Boden, so wie es

damals üblich war und wie es auch heute noch im Zelt von Beduinen 

der Brauch ist.

So sind sie zusammen. Worüber sie wohl miteinander reden? Wir wissen

es nicht. Vielleicht auch darüber, dass es für Jesus ein riskanter Weg

werden könnte, sind doch, wie es sich bereits herumgesprochen hat, in

Jerusalems  Obrigkeit die Weichen zu seiner  Gefangennahme und

Hinrichtung schon gestellt.

Ich denke: Unsicherheit liegt in der Luft, die Befürchtung, dass sich

Schlimmes ereignen könnte. Ob es Jesus ahnt, ob es die anderen

befürchten? Wir wissen es nicht. Manches spricht dafür, dass sich

beklemmendes Schweigen,  ja Trauer, wie ein Leichentuch über die

Männerrunde da legt.                                                                  

Trauer stellt sich meist ja schon vor einem tragischen Ereignis ein.

Im Vorfeld des Todes eines Menschen erfasst schon vor dessen

Ableben großer Kummer und Trauer die Seele der Beteiligten, der

Angehörigen. Sprachlosigkeit, Hoffnungslosigkeit am Sterbebett, auf der

Intensivstation, in der Palliativabteilung eines Krankenhauses.

Verzweiflung, das Hirn wird leer, der Körper matt.

Um wie viel mehr, wenn dann der Tod tatsächlich eingetreten ist.

Schweigen. Tränen bahnen sich ihren Weg.

So vieles, was bisher wichtig gewesen ist, wird unwichtig und relativ

angesichts der Realität des Todes.

Tiefe Trauer kann aber auch andere Gründe haben. Wenn Pläne und

Hoffnungen sterben, wenn Erwartungen an gelingendes Leben zu Grabe

getragen werden müssen, wenn Beziehungen sich auflösen, die uns

wichtig waren, wenn ich zutiefst getäuscht und enttäuscht wurde.

T r a u e r   so schreibt Christine Boell,

         Trauer ist große Einsamkeit

         Menschen kommen und gehen

         sprechen freundliche Worte

         reichen mitfühlend die Hand.

         Keiner kann mich erreichen.

         Vergraben bin ich tief in mir

         mein Gesicht ist hart wie ein Kiesel

         trocken starren die Augen ins Leere.

         Wie lang muss ich noch bleiben                    

         im Tal des Vergessens

         wie lang noch innerlich weinen.

         Die Tröster wissen ja nichts.

         Sagen: Vorbei, nichts zu ändern,

         sei tapfer und fass dich.

         Suche Halt im Gebet

         Als wäre nicht Christus

         auch trostlos gewesen

         und verloren im Garten Gethsemane.

         In Trübsal und Trauer ist jeder allein.

„Nie erfahren wir unser Leben stärker

 als in großer Liebe und tiefer Trauer.“

Ich denke, Rainer Maria Rilke hat Recht damit.

Ja, Trauer ist so etwas Überwältigendes und in die Tiefe des Seins

Reichendes.

Die Trauer Jesu und unsere Trauer reichen sich die Hand.

Und nun das Andere:                                                               

         Es geht um die große Liebe

Eine Frau tritt in die Männerrunde. Sie weiß, in der patriarchalischen

Gesellschaftsordnung darf sie das gar nicht. Ungefragt kommt sie. Ihren

Namen erfahren wir nicht . Egal.

Sie fragt auch nicht Jesus, ob sie das tun darf, was sie tut. Sie nimmt ihr

Alabastergefäß, zerbricht es: Kostbares, nein, wertvollstes Salböl, aus

Narde gewonnen, dieser  kleinen Pflanze aus dem Himalaja, gießt sie

über seinem Kopf aus, reibt es in seine Haare ein, salbt ihn.

Unerhört. Als hielte das Schicksal den Atem an.

Im alten Israel wurde gesalbt, wer zum König erhoben wurde.

Es wurde gesalbt der Gast, der in das Zelt gebeten wurde, und

es wurde gesalbt der Tote zur Vorbereitung in die jenseitige Welt.

Was nun von alledem?

Vielleicht von jeder Bedeutung ein wenig, vielleicht auch etwas                  

ganz anderes.

Ob diese Frau Jesus geliebt hat? Über alles?  So wie eine Frau

einen Mann liebt, wie auch ein Mann eine Frau. Wir wissen es

wieder nicht.

Vielleicht war es ein Zeichen der Bewunderung, vielleicht Dankbarkeit,

vielleicht Zuneigung, vielleicht Wertschätzung.

In ihrer persönlichen, zärtlichen, intimen, verschwenderischen Geste der

Zuneigung war, denke ich, mehr enthalten.

Es war Liebe. Große Liebe.

Sie hat diese Gelegenheit genutzt, denn wer weiß, ob sich wieder so ein

Moment ergeben wird.

Es gibt Momente zwischen uns Menschen, die sind einmalig,

die kommen nicht wieder.                                                 

Liebe zu einem anderen Menschen kann ungewöhnliche Wege gehen.

Liebe ist größer als alles sonst, und darum riskiert sie alles. So wie die

Liebe dieser Frau.

Sie riskiert die Empörung der anderen: Es ist Verschwendung, man

könnte Geld daraus machen, man könnte Arme damit  unterstützen.    

Immerhin waren 300 Silbergroschen  so viel, wie ein Arbeiter damals

in einem ganzen Jahr verdiente.  Sie riskiert den Hinauswurf.

Ich weiß, es gibt so viele Einwände gegen die Liebe.

Erich Fried, der österreichische Lyriker macht Mut, Liebe zu riskieren:

WAS ES IST

         Es ist Unsinn               sagt die Vernunft

         Es ist, was es ist, sagt die Liebe

         Es ist Unglück             sagt die Angst

         Es ist aussichtslos      sagt die Einsicht

         Es ist, was es ist, sagt die Liebe

         Es ist lächerlich           sagt der Stolz

         Es ist leichtsinnig        sagt die Vorsicht

         Es ist unmöglich                   sagt die Erfahrung

         Es ist, was es ist, sagt die Liebe

„Nie erfahren wir unser Leben stärker als in großer Liebe und in

 tiefer Trauer.“                       R.M.Rilke

Und so reicht uns die liebende Unbekannte aus Bethanien die Hand:

Hab Mut, es mir nach, es mir gleich zu tun. Geh das Risiko ein, von

anderen schief  angesehen und nicht verstanden zu werden.

Egal, wer du bist. Frau oder Mann. Reich oder arm. Attraktiv oder nicht,

Es kommt auch nicht darauf an, ob du jung bist oder alt. Es kommt nicht

auf die Zahl der Atemzüge eines Lebens an, sondern auf die Momente

und Orte, die einem den Atem rauben.

Es muss auch nicht teures Nardenöl aus dem Himalaja, aus Nepal sein.

Ich schließe meine Predigtgedanken mit einer Geschichte, in der es

auch um Trauer und Liebe geht, und die voll ist von Leben, das solchen

Namen verdient.                                                                          

Ein alter Mann sitzt in einem Bus. In seinem Arm hält er einen

wundervollen Blumenstrauß. Eine junge Frau kann ihren Blick nicht

von der Blumenpracht lassen. Immer wieder schaut sie zu den bunten

Blüten.

Kurz vor der nächsten Haltestelle erhebt sich der Mann und geht zu der

Frau: „Gefällt Ihnen der Strauß?“ Er reicht ihr die Blumen und sagt: „Er

ist eigentlich für meine Frau. Aber ich denke, sie hätte es gern, dass Sie

ihn bekommen. Ich gehe jetzt zu ihr und erzähle ihr, dass ich die Blumen

Ihnen geschenkt habe.“

Erstaunt nimmt die Frau den Strauß entgegen. Als der alte Mann

aussteigt, sieht sie ihm nach.

Er verschwindet durch ein Tor, das auf einen kleinen Friedhof führt.

Liebe Gemeinde:        Bethanien ist überall.

                                      Habt Mut zur Trauer.

                                      Habt Mut zur Liebe.

                                      Und ihr werdet das Leben finden.

Amen.

Ludwig Scherer, Pfarrer i.R.

Gottesdienst in der Vaterunser-Kirche, München

14. März 2021