Predigt von Pfarrer Scherer für den 29.8.2021

Veröffentlicht in: Allgemein | 0

Ja, meine Lieben,                                                                                  – 1 –

es ist schon eine geraume  Zeit her, lange vor Corona.

Ich unterwegs  in der Fußgängerzone in München. Ein strahlender Tag, Blauer Himmel, weiße Wolken, angenehme Temperaturen. Menschen aus Amerika und Japan, aus Frankreich und den Niederlanden, Besucher aus Niederbayern, Schulklassen, die wohl ihren „Wandertag“ haben, Touristengruppen, die sich um ihren Guide drängen, Rentner, Arbeitslose und Mütter mit ihrem Kinderwagen. Und viele, viele andere, an der Mariensäule, am Fischbrunnen, beim Donisl. Ein Bild wie aus einem Werbeprospekt für München. Und ich mitten drin.

Auch wenn ich „dienstlich“ unterwegs bin- ich genieße den Augenblick. Noch rasch am Rathaus vorbei in die Weinstraße, dann rein in die Albertgasse.

Doch plötzlich werde ich aus meiner Idylle herausgeholt.

Neben der Eingangstüre eines vornehmen Modehauses hockt ein Mann.

Auf dem Boden, auf einem Stück Pappe. Eine Decke über den Knien, zwei, drei Pullover übereinander, vor sich auf dem Pflaster eine umgestülpte Wollmütze.

Im raschen Vorübergehen bemerke ich seine wettergegerbte, faltige,

gelbbraune Gesichtsfarbe, seine in sich gekrümmte Haltung, die Bartstoppeln, die ungekämmten schwarz-grauen Haare, die sein Gesicht umrahmen – und dann der Blick seiner Augen, der so teilnahmslos aufs Pflaster vor seiner Wollmütze fällt: so leer seine Augen, so unlebendig, so starr.

„Obdachloser – bitte um eine kleine Spende“ so steht’s auf einem Stück

Karton  geschrieben, den er mit nikotinverfärbten Fingern umklammert.

Als wäre diese Botschaft das einzige, woran er sich noch klammern könnte.

Er redet nicht, und doch ist das ganze zusammengekauerte dunkle

Paket Mensch nichts als ein einziger Schrei – ein Schrei nach Nähe, nach Barmherzigkeit, nach Zuwendung.

Und ich – ich geh weiter. Schnell. Als hätt ich nichts gesehen. als hätt ich nichts gehört.

Natürlich hat das etwas mit mir gemacht.

Natürlich hab ich im Nachhinein  an die Geschichte gedacht, die Jesus einst einem Schriftgelehrten erzählt hat. So wie Lukas sie aufgeschrieben hat im 10.Kapitel seines Evangeliums:

Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab  durch die

  • 2 –

judäische  Wüste und wurde von Räubern überfallen. Die zogen ihn aus, schlugen ihn zusammen, gingen davon und ließen ihn halbtot liegen.

Zufällig kam ein Priester denselben Weg. Als er ihn sah, wich er auf die gegenüberliegende Seite aus und ging vorbei. Ebenso ein Kirchendiener. Als er an die Stelle kam und ihn sah, wich er aus und ging vorbei.

Warum ging ich damals weiter?  Warum gehen in der Geschichte Jesu der Priester, der Kirchendiener weiter? Warum gehen so viele am Elend des anderen vorüber?  In München, auf dem Wüstenweg  zwischen Jerusalem und Jericho?

Auf den Straßen und Plätzen ,wo auch immer wir leben, in den Dörfern und Städten unserer Erde? Warum nur?

Bei mir war es wohl das ganz Unbewusste: Ich war so sehr in meiner München Idylle gefangen, so dass da der Obdachlose einfach nicht reinpasste.

Und auch die vielen Münchenbesucher,  die für alles andere, nur nicht für einen armen Obdachlosen ein Auge hatten. Im Urlaub hat so was keinen Platz, eher schon das Glockenspiel am Rathaus.

Oder damals der Priester und der Kirchendiener: Vielleicht hat da Angst eine Rolle gespielt, ebenso von den Räubern erwischt zu werden. Wer weiß, ob die nicht hinter der Ecke schon lauern auf das nächste Opfer?

Vielleicht ging ihnen die Vorschrift durch  den Kopf, dass, wer im Tempelkult  mitwirkt,  sich vor einer verunreinigenden Berührung mit Blut hüten muss.

Ja, durch Helfen kann man selbst in Gefahr, in Unannehmlichkeiten geraten.

Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Wer jemandem die Tränen abwischt, bekommt nasse Hände.“  -Ja, so ist das. Doch, wer will das schon?

Und was die Räuber angeht: Sie fallen in sehr verschiedener Gestalt über den Menschen her, so wie in unserer Geschichte mit brutalter Gewalt. Aber auch als Armut, als Verwahrlosung, als eine schwere Kindheit, als Krankheit, als Obdachlosigkeit, als Arbeitslosigkeit, als Einsamkeit, als Missachtung usw.

  • 3 –

Es gibt viele Mächte, die einen niedermachen, das Leben schädigen, so dass man nicht mehr weiß, wie es weiter gehen kann und einem der Tod bisweilen näher und manches Mal auch lieber ist als das Leben.

So viele Situationen, wo Menschen an ihre Grenzen, an das Ende ihrer Möglichkeiten  gelangen.

Entscheidend ist dann diese Erkenntnis, die einen Menschen nicht mehr

loslässt: Hier muss ich helfen.

So wie damals, als einer, der aus Samaria kam, auf den am Boden Liegenden stieß:

Ein Samariter indessen, ein Ungläubiger, der auf der Reise dorthin kam und ihn sah, kümmerte sich um ihn, ging zu ihm hin, verband seine Wunden und goss Öl und Wein darüber. Dann setzte er ihn

auf sein Lasttier, führte ihn in ein Gasthaus und sorgte für ihn.

Am anderen Tag zog er ein paar Silbertaler heraus, gab sie dem

Wirt und fügte hinzu: Sorge für ihn, und wenn du seinetwegen weitere Auslagen hast, will ich sie dir ersetzen, wenn ich wieder vorbeikomme.

Der Fremde aus Samaria, vom Berg Garizim, lässt die Not des anderen an sich herankommen.

Hier muss ich helfen. Egal, was die anderen von mir denken. Egal , ob ich einen Vorteil, oder einen Nachteil davon habe. Egal, was es kostet.

Die Not des anderen erfordert Zivilcourage.

Die Frage ist nicht: Warum ich?  Sondern warum ich nicht?

Es geht um eine Kultur des Hinschauens. Und völlig selbstverständlich tut er das für ihn an sich Selbstverständliche.

Freilich, es gibt über das ganz persönliche Engagement hinaus

jede Art von institutioneller Hilfe: Das Sozialamt, das Rote Kreuz, die Diakonie, die Caritas, Krankenhäuser, Arztpraxen, die AWO, Misereor, Unicef, Amnesty International, und viele andere.  Gott sei Dank, dass es

diese Einrichtungen mit den Profis gibt. Diese, auch mit unserem Geld immer wieder zu fördern und zu unterstützen, ist Teil sozialer Verantwortung in unserem Gemeinwesen.

Doch diese Einrichtungen entbinden mich nicht davon, mich im Einzelfall

zu engagieren.  Es geht ganz einfach darum, ob ich in dem anderen, der in Not ist, den Mitmenschen erkenne und ihm, im Rahmen meiner Möglichkeiten meine Zuwendung zukommen lasse.

  • 4 –

Freilich, es gibt viele Einwände, dem  Anderen gleichermaßen unter die Arme zu greifen, ihm auf die Beine zu helfen.

Ist er nicht selber schuld an seinem Schicksal. Welche Chancen hat er verpasst? Und, ich kann doch nicht für jeden verantwortlich sein.

„Seine Grundsätze“, sagt Albert Camus, “ seine Grundsätze sollte man für die wenigen Augenblicke in seinem Leben aufsparen, in denen es auf Grundsätze ankommt. Für das meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit.“

„Barmherzigkeit“   Was für ein Wort.  Ein Wort wie aus einer anderen, vergangenen Zeit.

Wann kommt es vor z.B. in Regierungserklärungen, in Parteiprogrammen, in Wirtschaftsnachrichten, in der Finanz- und Aktienwelt, im Büro eines Notars, im Urteil eines Richters usw.

Es ist so: In unserer Gesellschaft geht immer mehr überliefertes Wissen rund um den Glauben, die Bibel und christliche Traditionen verloren.

Es wird nicht mehr darüber gesprochen, in der Familie, im Alltag, in der Schule.-

Manche Vokabel führt man im Mund und weiß der Spur nach auch, was sie meint.

So ist das mit der Barmherzigkeit. Was für ein Wort. Es ist sprachlich verbunden im Griechischen mit  „eleos“ : kyrie eleison : Herr, erbarme dich. Im Hebräischen (rächäm) bedeutet es Gebärmutter, Mutterschoß. Es meint die  Zärtlichkeit der Mutter zu ihrem Kind, die Zuneigung des Vaters zu seinem Sohn. Rächäm meint die Geborgenheit,  in der Leben gedeihen kann, ein Mensch sich entfalten kann.

„Barmherzigkeit“ ist ein Grundbegriff  der Botschaft Jesu, und ein Schlüssel christlichen Lebens . Mehr noch , Papst Franziskus, der

seine Bibel kennt, bezeugt es:  Barmherzigkeit ist der Name Gottes.

Und so hat er, vor 5 Jahren das „Jahr der Barmherzigkeit“ als Heiliges Jahr ausgerufen.

Freilich, Barmherzigkeit soll und will nicht auf ein Jahr beschränkt sein, sondern will gelebt sein alle Tage meines Lebens.

„Was muss ich tun, dass Gott mir ewiges Leben gibt?“  So hatte ein

Schriftgelehrter damals Jesus gefragt.  Die Antwort war nicht schwer:

Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. – Ja, wer ist denn mein Nächster, fragt der Schriftgelehrte nach.

  • 5 –

Da erzählt Jesus ihm  diese Geschichte, die wir heute gehört haben: Das mit dem Überfallenen, dem Priester, dem Kirchendiener, dem Samariter.

und er fragt ihn abschließend: Wer von den Dreien ist dem von den Mördern Überfallenen ein Mitmensch geworden?

Der Schriftgelehrte antwortet: Der die Barmherzigkeit an ihm tat, der sich um ihn gekümmert hat.           Da sagt Jesus ihm – und uns heute:

So geh und tu, was dem in deinem Leben entspricht. Sei barmherzig

gegenüber deinem Nächsten, der in Not ist, dem Menschen neben dir, 

der nicht mehr weiter weiß,

schenk  ihm Aufmerksamkeit, lass ihm Liebe, lass ihm Hilfe zukommen.

Und du wirst spüren, was es heißt, zu leben.

Amen.

Ludwig Scherer

Pfarrer im Ruhestand

Predigt zum Gottesdienst

in der Friedenskirche Dachau

am 29. August 21