Predigt von Pfr. Scherer für den 4. Juli 2021

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Gnade sei mit euch, und Friede von Gott dem Vater, und  unserem Herrn, Jesus, dem Christus. Amen.

Wissen Sie, liebe Gottesdienstbesucher, was ein Frust ist ?

Und waren Sie schon mal frustriert ?  Ich vermute: Ja !  frustra, das kommt aus dem lateinischen und meint so viel wie „vergebens, vergeblich“.

Davon ausgehend  sei heute die Rede.

Ja,  es ist  frustrierend, seinen Job zu erledigen, sich Mühe zu geben, und keinen Erfolg zu haben, keine Anerkennung zu bekommen.

Z.B   Als Verkäuferin,  als Busfahrer, als Ingenieur, als Hausfrau, als Wissenschaftler, bei der Müllabfuhr, als Postbote , in der Schule als Schüler, als Lehrer  usw.

Viele Gesichter, denen ich begegne, wirken, nicht immer, doch oft, erschöpft. –

Frust ist, bzw. war oft  auch denen ins Gesicht geschrieben, die nicht arbeiten durften in den vergangenen 1 ½ Jahren:  Buchhändler, Friseuse, Künstler, Musiker, Einzelhändler und viele andere.

Die Erfahrung der Vergeblichkeit  begegnet   uns aber auch ganz allgemein.

Das Gefühl der Leere,  zu nichts mehr Lust haben. Alles sinnlos. Der Körper macht schlapp. Alles strengt an.

Treppen steigen, Telefonieren, Kaffee kochen.  Die kleinste Kleinigkeit wird zur Last.

Das ganze Leben hat etwas Ermüdendes.

Das Interesse an einer Sache lässt nach. Puh- nicht schon wieder. Ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr.

Sich vergeblich mühen, keinen Erfolg haben – so was gibt’s zu allen Zeiten. So was kannte auch Simon, der Jünger Jesu.

Eine Szene am See Genezareth:  Fischen, nichts fangen, mehrere Tage immer wieder ausfahren, und mit so gut wie leeren Netzen zurückkommen.

Mit dem Ergebnis seiner Arbeit kann Simon nicht satt werden,

geschweige denn seine Familie.

Doch dies Mal ist es etwas anderes.

Folgendes wird uns von Lukas im 5. Kapitel seines Evangeliums

überliefert:

Da drängte sich die Menge zu Jesus, um das Wort Gottes  zu hören. Jesus stand am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. – Da stieg Jesus in eines der Boote, das

Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land weg zu fahren.

Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon:

Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.

Fischfang  –  nein ,nicht das Angeln oder Fliegenfischen – Fischfang  damals am See Genezareth wie auch heute – das ist harte Arbeit.  Fischfang geschieht in der Nacht. Boote müssen vorher klar gemacht werden, hinausfahren, Netze auswerfen, Netze einholen.

Rückkehr in den Hafen, Fische verkaufen. Netze reinigen, flicken, und wenn das Alles erledigt ist: Zeit zum Ausruhen – vor der nächsten Ausfahrt.

In diesen Alltag der Fischer mischt sich plötzlich ein anderes Geschehen. Jesus ist dort unterwegs. Einer, der durch sein Auftreten schon für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Viele sind neugierig, wollen ihn sehen, sich ein eigenes Bild von ihm machen.

Zunächst  bemerkt Simon den Menschenauflauf gar nicht. Ist mit seiner

Arbeit beschäftigt. Und wird erst aufmerksam, als Jesus ihn anspricht: „Lass mich in dein Boot, ich brauch es, damit die Leute mich besser  sehen und hören können“. Simon willigt ein. Nimmt Jesus an Bord. Was der Rabbi gesagt hat, erfahren wir nicht. Für Lukas, den Evangelisten, spielt dies jetzt keine Rolle. Die eigentliche Geschichte beginnt nämlich erst .

Jesus fordert Simon auf: Fahrt hinaus, wo es tief ist, werft eure     Netze zum Fang aus. Und dies – gegen alle Regeln der Fischerei

am helllichten Tag.

Ich stell mir vor, wie Simon und seine Kollegen den Kopf schütteln.

Da kommt ein Wanderprediger daher und will mir sagen, was ich tun soll.

Die Fische sind doch tagsüber in der Tiefe. Und wir haben doch schon die ganze Nacht über gefischt und nichts gefangen.- Vielleicht fügt er in Gedanken hinzu: „Du hast doch keine Ahnung vom Fischfang. Am besten, ich fahr dich wieder zurück ans Ufer. Und dann muss ich mich weiter um meine Netze kümmern.“

Aber irgendetwas hält Simon davon ab, es auszusprechen. Stattdessen- er glaubt es ja selber kaum – lässt er sich darauf ein: „Auf dein Wort hin, Jesus, will ich dich Netze auswerfen.“

Und – so fährt der Evangelist Lukas in seinem Bericht fort: Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon das sah, fiel er Jesus zu Füßen und

sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.

Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst, und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten.

Was ist geschehen? Wie ging das zu, dass die Netzte so voll wurden?

Mitten am Tag? Unerklärlich. Man kann das ein Wunder nennen.

Für mich sind  aber nicht die vollen Netze der Höhepunkt der Erzählung, das Happyend. Das eigentliche Wunder ist für mich etwas ganz anderes, nämlich: Der Mut des Simon, noch einmal hinauszufahren: „Auf dein Wort hin“. Bei uns in Bayern würde man sagen: „A bloß, weil s‘ d‘as du gsogt host.“

Was war es denn, was diesen erschöpften Fischer  umstimmen, überzeugen, motivieren konnte?    „Auf dein Wort hin“.

Der Philosoph Jürgen Habermas ( vor 2 Wochen sein 92. Geburtstag)

spricht vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“, wenn jemand schließlich doch, nach kürzerer oder ausführlicher Debatte,  seine Überzeugung wechselt- und tut, was vorher völlig ausgeschlossen schien.

„Auf dein Wort hin.“ Das war’s. Nichts weiter. Was auch immer Jesus gesagt  hat. Es hatte etwas Packendes, Stimmiges, Überzeugendes an sich.

Simon spürt in der Begegnung mit Jesus: Das ist ein besonderer Moment: Jetzt kommt es auf mich an. Auf mein Vertrauen. Dass ich die

Hoffnung- gegen allen Augenschein, nicht aufgebe. Dass ich den Mut habe, mich jetzt auf diese Situation einzulassen.

Die alten Griechen hatten für den „günstigen Augenblick“, den einen und alles „entscheidenden Moment“,  einen Ausdruck:  K a i r o s  (im Gegensatz zu chronos).

Es gibt solche Momente, in denen es darauf ankommt: sich entscheiden, sich trauen, die Chance ergreifen. Wie auch immer die Umstände sind.

„Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.“ So steht es als Lebensmotto von Hilde Domin auf ihrem Grab auf dem Heidelberger Bergfriedhof : Hilde Domin, die deutsche Schriftstellerin jüdischen Glaubens . 97 Jahre wurde sie alt. „Ich setzte den Fuß in die Luft. Und sie trug.“

Den Schritt ins Offene zu wagen, den Kairos zu ergreifen, eröffnet eine ganz neue Perspektive. Nicht Mangel, nicht Sorge, sondern Fülle und Getragenwerden erwarten mich.

Auf dein Wort hin. Das ist dann mein Schritt des Glaubens.

Aber nicht nur Glaube,  Vertrauen, Mut und Hoffnung sind gefordert. Simon muss ran. Er muss seinen Kahn flott machen. Er muss zupacken. Sich richtig plagen. Hände in den Schoß legen – gibt’s nicht.

Im Hinblick auf die besonderen Herausforderungen unserer Zeit hat Heribert Prantl, der Jurist und Journalist, das Prinzip Hoffnung so definiert: „Hoffnung ist der Wille zur Zukunft.“

Das heißt: Ich muss es wollen, dass sich etwas ändert. Klagen und Jammern über die leeren Netze hat Simon nicht weiter gebracht. Wird auch uns nicht weiterbringen.

 „Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe,“  lese ich auf einem Kalenderblatt. Da ist was dran.

Was mich an der Erzählung des Lukas geradezu fasziniert: Die Vergeblichkeit, die Hoffnungslosigkeit  fällt auf einmal wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Simon und seine Fischerkollegen erschrecken geradezu darüber, dass sich ihre Bedenken und ihr Frust in Luft auflösen. So viele Fische, wo doch nichts zu erwarten war.

Eine neue Erfahrung will sich Platz verschaffen und sich gegen die alten Erfahrungen etablieren. Bei den Fischern damals, und immer wieder -warum nicht – auch bei uns.

Das Gespür für das Mögliche zu schärfen, das will ich selbst aus dieser Geschichte lernen. Das Leben, mein Leben, kann sich ändern. Von einem Moment auf den anderen. Das Gute sehen, das, was mein Leben sinnvoll macht, offener und freier. 

Der Schritt ins Offene fordert Vertrauen und mitunter auch den Mut, sich auf das ganz andere einzulassen – wie Simon es tut. Auf das Wort Jesu hin. Da können dann Netze reißen, wie bei den Fischern. Aber eigentlich reißt etwas ganz  anderes auf:  der Alltag, das Leben, der Himmel.

Was undenkbar schien, unvorstellbar war, geschieht auf einmal.

Und so schließt  Lukas seinen Bericht:

Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht. Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Jesus sieht Simon. Den erschöpften Gesichtsausdruck. Den Frust. Aber Jesus traut dem Simon etwas zu. Hab keine Angst. Wag ihn, den Sprung ins Unbekannte, ins Offene.

Und so brechen Simon und seine Fischer-Freunde noch einmal zu ganz neuen Ufern auf. Was unmöglich war, wird möglich.

 „Nichts ist unmöglich“ – so einer der beliebtesten Slogans und Werbesprüche der Vergangenheit.

Die Sicht Jesu aber wird bleiben.  „Alles ist möglich dem, der da glaubt.“   

                                                                                                                 So lasst uns mit Gottes Hilfe neue Wege gehen.

Amen.

Ludwig Scherer, Pfr.i.R.

Gottesdienst in Dachau

4.7.2021