Predigt für den 13.9.2020

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Heute begegnen wir in der Predigt einer seit Kindheitstagen bekannten biblischen Person. Es ist der Zöllner Zachhäus. Lukas berichtet über ihn folgendes:

(1) Jesus ging nach Jericho hinein und zog durch die Stadt. (2) Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. (3) Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. (4) Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. (5) Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. (6) Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. (7) Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. (8) Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. (9) Da sprach Jesus zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.

Liebe Gemeinde,

es gibt viele Möglichkeiten sich unbeliebt zu machen. Da gibt eszum Beispiel die Menschen, die ständig nörgeln und meckern. Ebenso nervig sind Egozentriker, also Menschen, die sich ständig selbst in den Mittelpunkt stellen. Aber auch beleidigte Leberwürste, die fleißig austeilen aber selber nichts einstecken können, braucht niemand. Gleiches gilt für Drückeberger, die sich bei jeder Kleinigkeit aus dem Staub machen und die Arbeit den anderen überlassen, Choleriker, die bei jeder Kleinigkeit wütend werden oder Besserwisser, die zu allem ihren Senf hinzugehen und meinen, es wäre der Weisheit letzter Schluss. Schlamper, die immer alles herumliegen lassen, kommen ebenso wenig an wie Ordnungsfanatiker, für die eine Welt untergeht wenn das Kissen auf dem Sofa zerknautscht herumliegt.

Es gibt viele Arten sich unbeliebt zu machen und auch wir sind unseren Mitmenschen schon auf die eine oder andere Weise auf den Geist gegangen, vielleicht ohne es zu merken.

Heute geht es um einen Menschen, der es durchaus gemerkt hat, dass er nervt, dass er unbeliebt ist und dabei konnte er selbst zunächst gar nichts dafür. Er war von Berufswegen unbeliebt. Zachäus war Zöllner. Er musste anderen in den Geldbeutel langen.

Ich möchte nicht wissen, was die Damen und Herren, die Falschparkern Strafzettel verteilen, jeden Tag an bösen Blicken, Beschimpfungen und Spott über sich ergehen lassen müssen. Oder wie viele Kübel voller Unmut über Schaffner, Finanzbeamte und Gerichtsvollzieher ausgeschüttet werden, obwohl die nichts anderes tun als ihrem Beruf nachzugehen.

Beim Geld hört der Spaß auf, da gibt es kein Pardon mehr. Wer anderen an den sauer verdienten Lohn geht, der ist noch mehr als unbeliebt, der ist bei untendurch.

Und so eben auch schon Zachäus vor 2000 Jahren. Seine Zollstation in Jericho lag strategisch günstig, verschiedene Verkehrswege kreuzten sich damals dort und jeder, ob Kaufmann oder Privatmann, wurde von Zachäus zur Kasse gebeten. Und das nicht zu knapp! Zwar gehörten die Zollstationen im Land den Römern und Zachäus musste wie jeder Zöllner Jahr für Jahr einen bestimmten Betrag an sie abführen, aber es stand jedem Zöllner frei, wieviel er darüber hinaus noch für das eigene Auskommen verlangte. Zöllner galten deshalb als Erpresser und Betrüger und auch Zachäus konnte ordentlich draufschlagen und ohne weiteres das Doppelte oder Dreifache des üblichen Satzes verlangen – so wurde er reich in einem armen Land. Und man konnte nichts gegen ihn unternehmen, denn die Zöllner standen unter dem Schutz der Römer.

Doch auch Zachäus musste einen Preis für seinen Reichtum zahlen: Der Preis war die totale gesellschaftliche Isolation, er lebte also auf Dauer in Quarantäne. Abstandhalten war also kein Problem für Zachäus. Mit ihm wollte eh niemand etwas zu tun haben. Sogar die Kinder auf der Straße hatten nichts außer Spott für ihn übrig. Auf der Karriereleiter war Zachäus ganz oben, im Bewusstsein der Leute aber war er ganz unten; er hatte viele Kunden aber keine Freunde außer Seinesgleichen. Die Leute warteten nur auf die Gelegenheit, ihm einmal öffentlich all das heimzuzahlen, was er ihnen angetan hatte.

Und die Gelegenheit zur Rache sollte kommen, als Jesus durch Jerusalem zog. Rache ist ein untaugliches, aber bis heute immer noch beliebtes Mittel um unbeliebte Menschen körperlich oder seelisch zu verletzen. Die Menge, die auf den Straßen zusammenlief um den bekannten Wunderheiler Jesus einmal mit eigenen Augen zu sehen rächte sich an Zachäus indem sie ihm bei seinem wundesten Punkt packte, und das war seiner Körpergröße. Zachäus war „klein von Gestalt“ heißt es im Lukasevangelium, die Menge versuchte deshalb ihn auf keinen Fall nach vorne kommen zu lassen, wo Jesus vorbeiziehen sollte, sondern sie drängten ihn nach hinten ab. Er, dieser Ganove und Halsabschneider, sollte nichts sehen. Er sollte am eigenen Leib spüren, wie klein und winzig er war, er sollte erkennen, dass er den anderen gestohlen bleiben kann, dass er für sie ein für allemal gestorben ist.

Vielleicht war die Körpergröße tatsächlich der wunde Punkt in seinem Leben und der Grund, warum Zachäus überhaupt Zöllner wurde. So mutmaßen jedenfalls manche Bibelausleger, dass Zachäus schon als Kind gehänselt und verspottet wurde. Er machte oft die Erfahrung, übersehen und mit seinen Fähigkeiten nicht ernst genommen zu werden. Es fiel ihm schwer, ein gutes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Der Wunsch, anerkannt zu werden, bestimmte somit seine Berufswahl. Er wurde Zöllner, denn nun konnte er sich endlich auch einmal ganz groß fühlen. Er kompensierte seine körperliche und seelische Kleinheit durch strukturelle Macht.

Doch damit machte Zachäus seine Situation nur noch schlimmer. Statt dem ersehnten Respekt bekam er nur Hass zu spüren.Niemand interessiert sich mehr für ihn. Er rächte sich, indem er immer mehr Geld aus dem Menschen herauspresste, das ihn doch nicht glücklich machte.

Zachäus kann einem Leidtun. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Niemand fragte danach wie es ihm geht. Niemand half ihm. Niemand – und dann kam dieser Jesus. Vielleicht konnte der ihm helfen? Aber wieder ist Zachäus zu klein, er kann gar nichts sehen. Die anderen lassen ihn nicht zu Jesus durch. Klar, schließlich hat Zachäus sie ohne Geld ja auch nicht durchgelassen.

Zachäus klettert in seiner Verzweiflung auf einen Baum. So etwas tut man als Erwachsener nicht. Er gibt sich der Gefahr preis, von den anderen ausgelacht zu werden. Aber das macht nichts. Das ist er ja gewohnt.

Wenigstens Jesus lacht ihn nicht aus. Im Gegenteil, er lädt sich bei Zachäus zum Essen ein.  Was Zachäus mit all seinem Reichtum nicht geschafft hat, nämlich glücklich und anerkannt zu werden, schenkt ihm Jesus in diesem Augenblick. Was die Leute von Jericho mit ihrer Ablehnung und Bosheit nie geschafft haben, den Zachäus zur Besinnung zu führen, schafft Jesus ohne jeglichen Appell, ohne jeden Druck. Mit keinem Wort hat Jesus von Zachäus gefordert, dass er sich ändern muss, Jesus ist einfach zu ihm gekommen, hat ihm die Hand gereicht und sich zu ihm eingeladen.

Im Hause des Zachäus geschieht das Unvorstellbare: Zachäus kommt von ganz alleine auf die Idee, den Leuten ihr Geld zurückzugeben. Er wusste offenbar längst, dass er sich über die Maßen bereichert hat. Aber erst jetzt bekommt er einen Grund zur Wiedergutmachung.

Gleich vierfach will er die Leute auszahlen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das praktisch gehen soll. Offenbar orientiert sich Zachäus an der damals üblichen Strafe für Diebstahl und gesteht damit auch ganz ohne Prozess öffentlich seine Schuld ein. Darüber hinaus gibt Zachäus die Hälfte seines Besitzes den Armen. Eigentum verpflichtet zum Wohle der Allgemeinheit, heißt es leider ziemlich unkonkret auch in unserem Grundgesetz.

Ob Zachäus dadurch bei den Armen beliebter wurde, wird im Lukasevangelium nicht berichtet. Wie die von Zachäus einst Betrogenen darauf reagiert haben wissen wir nicht. Ob man ihn auf der Straße wieder gegrüßt und auch in die Gemeinschaft wieder aufgenommen hat, bleibt unerwähnt. Für Zachäus selbst ist das auch nicht so entscheidet. Entscheidend ist für ihn nur, dass er mit Jesu Hilfe die Mauer einreißen konnte. Er konnte sie wegnehmen, weil ihm einer mit offenen Händen und freundlichen Blick entgegenkommen ist, weil ihm einer schenkt, was er so lange vermissen musste: Respekt und Würde, Selbstachtung und die Kraft, selbst zu verändern, was ihn und alle um ihn herum belastetet hat.

Liebe verändert die Welt und ihre Menschen, das ist das eine, was mir die Geschichte vom Zöllner Zachäus deutlich macht. Nicht das Herumnörgeln und Kritisieren, nicht das Ausgrenzen und Abschreiben macht die Menschen besser, sondern das vorurteilsfreie Auf-sie-zugehen wie Jesus getan hat. Das ist mitunter sehr schwer in die Tat umzusetzen und bei manchen Menschen gewinnt man bald den Eindruck, da ist „Hopfen und Malz verloren“ oder sie nutzen Gutmütigkeit nur aus, aber oft ist es der einzige Weg zu einem besseren Miteinander.

Uns ist die Geschichte von Zachäus aber auch erzählt, weil sie anhand seines Lebens beschreibt, dass wir selbst uns ändern können. Wann immer ein Unart zum Vorschein kommt, durch die wir uns unbeliebt machen, wann immer wir resignierend feststellen dass wir nun einmal nicht aus unserer Haut heraus oder über unseren Schatten springen können – wir können es doch! Wir können uns wie Zachäus von Jesus verändern lassen.

Er kann auch uns in Bewegung bringen es neu mit uns selbst und mit anderen zu probieren. Jesus hat die Menschen nicht nur damals gesehen, verstanden und angenommen.