Predigt für den 2.8.2020

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Liebe Gemeinde,
jedes unserer Sinnesorgane ist unendlich wertvoll und unbezahlbar. Ganz egal ob Ohren, Nase, Zunge, Haut oder Augen. Jedes Sinnesorgan ist wie ein Tor zu einer ganz eigenen Welt. Wie viel wir an unseren Sinnesorgan haben, merken wir erst, wenn wir sie einmal verlieren.

Heute hören wir von einem Mann, der von Anfang an ohne funktionierende Augen geboren wurde. Dabei sind die Augen vielleicht das kostbarste unserer Sinnesorgane. 

80 Prozent der Sinneseindrücke, die wir sammeln, empfangen wir über unsere Augen. Was es bedeuten würde, darauf verzichten zu müssen, wird uns sofort bewusst wenn wir für ein paar Sekunden die Augen schließen. Machen wir das einfach mal. Sofort entschwinden alle Farben aus unserem Leben, all die Menschen und Gegenstände um uns herum, werden von Dunkelheit verschlucken. Wir sind irgendwie einsam inmitten vieler Leute. Wenn wir uns bewegen müssten, würden wir uns unsicher und verletzlich fühlen. Bei manchen würden sich schnell Angstzustände einstellen, weil wir nicht mehr abschätzen könnten, was um uns herum passiert.

Die Augen bestimmen unser Bild von dieser Welt, sie zeigen uns, wie alles aussieht, wie wir selbst aussehen. Sie geben uns die Informationen, die nötig sind, um zu wissen wo wir uns gerade befinden, welche Menschen um uns herum sind und sie verhindern, dass wir uns stoßen oder blindlings in Gefahren hineinlaufen.

Die Augen ermöglichen es uns zu lesen, am Computer zu arbeiten oder anderen Tätigkeiten und einem Beruf nachzugehen. Die Augen sind das wesentliche Element zur Freizeitgestaltung, Fernsehen, Radfahren, Fußballspielen sind ohne sie schwer möglich.

Was macht also ein Mann, der blind geboren wurde und das in der biblischen Zeit, als es noch keine Blindenschulen gab?

Wir hören seine Geschichte aus dem Johannesevangelium: (1) Jesus sah einen Menschen, der blind geboren war. (2) Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? (3) Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. (4) Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, (solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.) (5) Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. (6) Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. (7) Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah (- das heißt übersetzt: gesandt -) und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Gemeinde,
das ist nun mal wirklich eine seltsame Geschichte. Jesus streicht einen Brei aus Spucke und Dreck auf die Augen des Blinden. Das klingt nicht nur, das ist richtig eklig. Vor ein paar Jahren wurde zwar festgestellt, dass Spucke keimtötend wirkt und den Wundheilvorgang beschleunigt, das gilt aber nur für eigene Spucke. Was macht Jesus also da?

Wir wundern uns über Jesus. Dabei ist das Verhalten der anderen Menschen um den Blinden herum eigentlich noch viel komischer. Was machen die? Sie machen nichts. Sie versuchen nicht einmal zu helfen. Stattdessen fragen die Jünger, wer für die Blindheit des jungen Menschen verantwortlich ist. Eine völlig überflüssige Frage. Sie geht völlig am blinden Menschen und seinen Problemen vorbei und hilft niemandem. Offenbar sind die Jünger von der Situation so überfordert, dass sie versuchen seine trostlose Lage, aus der sie ihn nicht befreien können irgendwie zu rechtfertigen. Dass der blind ist, muss einen tieferen Grund haben, meinen sie. Entweder ist der Blinde selbst schuld sein an seinem Unglück – dann geschieht es ihm recht, oder seine Eltern sind schuld, dann muss er die Sünde seiner Eltern abbüßen.

Es ist nicht unbedingt verkehrt herauszufinden, ob die Eltern eine Augenentzündung falsch behandelt haben oder ob der Blinde zu lange in die Sonne geschaut hat, und dadurch erblindet ist. Wer das herausfindet, kann vielleicht andere vor diesem Schaden bewahren.

Aber für den Blinden ist die Schuldfrage die überflüssigste aller Fragen, weil sie sein Leben noch schwerer macht. Jesus schiebt die Schuldfrage deshalb einfach beiseite. Niemand ist schuld, sagt er und lenkt den Blick auf das Positive. Auch wer blind ist, ist nicht nur zu bejammern, sondern ist ein Wunder Gottes. Mir fällt da Nick Vujicic ein. Er ist ohne Arme und Beine geboren und doch kann er schwimmen, surft und ist Motivationstrainer.

Man kann im Blinden also eine bemitleidenswerte Kreatur sehen. Man kann in ihm aber auch ein Wunder Gottes sehen. Genauso bei unserem Bibeltext. Man kann den Bibeltext nur kritisch lesen und sagen: so etwas gibt es nicht. Oder man kann tiefer blicken und auch von einer seltsamen Geschichte noch etwas lernen.

In der Geschichte hat Jesus jemandem die Augen geöffnet. Aber wem eigentlich? Wer war da blind? Vielleicht geht es gar nicht um den Blinden, sondern um die verblendeten Menschen, die mit ihm nicht richtig umzugehen wissen. Sind nicht auch die Jünger blind gewesen? Werden nicht auch ihnen die Augen geöffnet?

Jesus weiß nicht, warum der Mann blind ist. Aber er weiß, dass auch dieser Mann noch in Gottes Hand ist. Jesus hat keine Erklärung für das Leid anzubieten. Aber er weiß, dass Krankheit keine Strafe von Gott ist und auch keine Prüfung. Krankheit ist meist kein selbstverschuldetes Schicksal. Höchstens jemand schädigt sich bewusst durch Drogen oder eine unvernünftige Lebensweise.

Jesus fragt deshalb nicht, sondern handelt. Jesus kehrt die Richtung um: Er schaut nicht zurück, sondern nach vorne. Er fragt nicht warum der Mensch so geworden ist, sondern was Gott aus ihm noch machen kann. Er fragt nicht nach dem Sinn, sondern geht auf den Blinden zu und hilft ihm.

Schauen wir also, dass wir nicht verblendet sind und nur beim oberflächlichen Wunder dieser Geschichte stehen bleiben. Schauen wir vielmehr, dass wir die Bibel nicht nur als Tatsachenbericht, sondern als Glaubensbuch lesen, als Buch, das nicht nur alte Geschichten erzählt, sondern als Buch, das unsere Lebensgeschichte positiv beeinflussen kann.

Das Wunder dieser Erzählung liegt also vielleicht nicht in der körperlichen Wiederherstellung der Augenfunktion, sondern darin, dass Jesus an dem blinden Mann nicht vorübergeht wie alle anderen, sondern ihn wahrnimmt.

Jesus befreit somit seine Jünger bis heute aus der Blindheit, die die Not nicht sieht. Diese Geschichte sagt uns: redet nicht nur über die Leute, sondern redet mit ihnen. Schaut nicht nur zu, sondern traut euch etwas zu. Macht etwas, ruhig auch einmal etwas Verrücktes, gegen den Mainstream und den Zeitgeist. Seid nicht blind für eure Mitmenschen und seht sie immer als Subjekt und nicht nur als Objekt.

Menschen, die sehen können, haben 80 Prozent mehr Lebensqualität, heißt es. Und noch mehr Lebensqualität haben wir und andere, wenn wir auch mit dem Herz auf andere schauen.

„Woran erkennt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt“ fragte einst ein Gelehrter seine Schüler. „Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann? Oder wenn man aus der ferne einen Menschen von einem Baum unterscheiden kann?“ „Nein, meinte der Gelehrte, „es wird hell dann, wenn du im Gesicht irgendeines fremden Menschen deinen Bruder oder deine Schwester erkennst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“

Jesus hat damals die Nacht der Blindheit und Teilnahmslosigkeit vertrieben und diese seltsame Geschichte hat die Kraft genau das heute noch zu tun. Amen.