Predigt für den 22. März 2020

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Die Gottesdienste fallen vorerst aus. Eine Predigt vom eigenen Gemeindepfarrer gibt es dennoch und zwar von Pfarrer Johannes Schultheiß hier zum Lesen:

Predigt über Jes 66,10-14

Eigentlich sollten heute die Konfis auf der Kanzel stehen. Ein Highlight in unserem Kirchenjahreskalender. Stattdessen steht überhaupt niemand auf der Kanzel. Eine Predigt gibt es dennoch, Corona hin oder her.

In den letzten Tagen haben sich die Meldungen über Maßnahmen gegen das Corona-Virus regelrecht überschlagen. Egal zu welcher Stunde man die Nachrichten an machte, es gab fast ständig etwas neues, sogar noch abends vor dem Einschlafen. Was für eine Entwicklung!

Vor zehn Tagen gingen wir Pfarrer noch fest davon aus, dass das Konfi-Seminar stattfinden könnte. Am Donnerstag zuvor haben wir uns schweren Herzens entschieden die Veranstaltung abzusagen. Wir haben uns die Entscheidung nicht einfach gemacht. Das Konfi-Seminar ist der Höhepunkt des Konfi-Kurses. Bei keiner anderen Aktion im Rahmen des Konfi-Programms entsteht so viel Gemeinschaft, wird so viel Wissen vermittelt, gibt es intensive Spiritualität und obendrauf auch noch ordentlich Spaß. Dazu dann auch noch die Kosten, die entstehen, wenn so ein Seminar kurzfristig abgesagt werden muss: die Jugendherberge schickt ihre Rechnung nämlich trotzdem.

Der Ausfall des Seminars machte mich traurig und fühlte sich bitter an. Aber es hätte sich auch nicht gut gefühlt wegzufahren. Was, wenn wir dadurch den Virus weiterverbreiten und ein Großelternteil ernsthafte gesundheitliche Probleme bekommt, wo unser Gesundheitssystem kurz vor seiner Kapazitäts-Grenze steht?

Also alle Konfis abtelefonieren und absagen. Das war hart. Da gab es Verständnis aber auch Tränen. Anderswo hätten sich Konfis vielleicht gefreut, wenn das Konfi-Wochenende ausfällt. Das spricht schon mal für uns. Machte uns als Pfarrer aber auch nicht glücklich. Die Konfi-Teamer kamen auf die schöne Idee dann wenigstens im Tölzer Gemeindehaus einen Konfi-Tag zu veranstalten. Eine tolle Idee. Ich war kurz davor mitzumachen. Aber es macht doch keinen Sinn das eine abzusagen und das andere zu machen. Wieder war ich hin und hergerissen. Immer diese schwierigen Entscheidungen. Was ist vernünftig, was macht Sinn? Die Gefahr den Virus zu verbreiten ist in der Jugendherberge sicherlich größer als im Gemeindehaus, aber da ist die Gefahr trotzdem.

Wenige Stunden später kommt Aufruf der Kanzlerin alle nicht unbedingt notwendigen Veranstaltungen abzusagen und Sozialkontakte zu vermeiden. Am nächsten Tag folgte dann die schon erwartete Meldung, dass alle Schulen in Bayern schließen. Am vergangenen Montag wurde der Katastrophenfall in Bayern ausgerufen. Gottesdienste wurden abgesagt, das Abitur verschoben, die Oberammergauer Passionsspiele gar auf 2022! Am Freitag folgte die Ausgangssperre.

Aber noch viel schlimmer als uns als Kirche trifft das Corona-Virus viele Berufstätige. Aufträge brechen plötzlich weg. Lieferketten funktionieren nicht mehr, weil ganze Länder abgesperrt werden. Existenzängste sind plötzlich da. Menschen tätigen Hamsterkäufe vom Desinfektionsmittel bis hin zum Klopapier. Die Nachrichten überschlagen sich vom Dax-Absturz bis hin zum Pflegenotstand. Eine ganze Welt im Krisenmodus.

In dieser Situation der tiefen Verunsicherung, bekommen wir für den Sonntag Lätare einen Predigttext aus dem Jesajabuch. Die Menschen damals hatten noch viel größere Krisen als wir zu bewältigen. Die Babylonier hatten das Land eingenommen und die Hauptstadt Jerusalem gänzlich zerstört. Kaum ein Stein stand noch auf dem anderen. Die Gelehrten wurden deportiert und der Rest vegetierte Jahrzehnte vor sich hin. In diese schwierige Situation hinein sprach der Prophet seine frohe Botschaft:

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

„Es ist nicht alles schlecht. Es geht aufwärts, auch wenn es stetig abwärts zu gehen scheint. Langsam, aber doch. Hört endlich auf nur noch alles schwarz zu sehen. Schaut auf die hoffnungsvollen Ansätze.“ So könnte man die Botschaft dieses Propheten umschreiben. Und er hatte Recht. Auch wenn er sich für unseren Geschmack vielleicht ein wenig zu bildhaft ausdrückt: Ihr dürft reichlich trinken an der Brust eurer Heimatstadt. Nein, das ist wirklich nicht meine Sprache. Euer Gebein, soll grünen wie Gras. Auch das ist mir zu blumig formuliert. Aber in der Sache hat er wohl Recht, der unbekannte Prophet, dessen Worte man hier im Buch des Propheten Jesaja mit aufgeschrieben hat.

Trotz Corona und Co. es gibt so vieles, über das wir uns freuen können. Die Welt geht nicht unter. Im Gegenteil, wir haben offenbar gut aufgestellte Behörden, die den Sachverstand haben einen neuen Virus ernst zu nehmen und handeln, bevor es wirklich zu einer Katastrophe mit vielen Erkrankten kommt, die unser Gesundheitssystem völlig überfordert.

Es ist schade, dass so manches jetzt ausfällt und nicht mehr geht. Das macht uns manchmal ein bisschen traurig. Aber wir dürfen uns trösten lassen: all das geschieht für einen guten Zweck. Unsere Gesellschaft ist tatsächlich solidarischer und empathischer als so mancher gedacht hat. Die Jungen könnten sich auch sagen: mir macht so eine Grippe nicht aus. Ich muss mich nicht einschränken. Sollen doch die Alten zuhause bleiben. Die denken ja beim Punkt Brexit oder Klimaschutz auch nicht immer an die anderen Generationen. Also Pech gehabt. Hauptsache mir geht’s gut.

Nein, so habe ich in der Tat bislang noch niemand reden gehört. Unsere Gesellschaft, unsere Politiker sind vielleicht doch vernünftiger als gedacht. So ärgerlich dass jetzt alles ist vom Schulausfall bis hin zum gar nicht lustigen Einkommensverlust, der dieser Pandemie folgen wird, bislang gibt es wahrlich keinen Grund zur Hysterie. Bislang lautet die Devise: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit” (2.Timotheus 1,7). Unser Bischof hat in seiner Kanzelabkündigung letzte Woche diesen Satz aus dem 2. Timotheusbrief zitiert und wir sollten uns dieses Zitat auch weiterhin vor Augen halten: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit”

Wer hätte noch vor wenigen Wochen so einen Ausnahmezustand für möglich gehalten? Jetzt sind wir mittendrin und so langsam wird er Alltag. Wir dürfen uns also durchaus von Gott trösten lassen und getrost sein, denn wir sind durchaus eine solidarische Gesellschaft. AMEN

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

Nicht alles ist abgesagt:
Frühling ist nicht abgesagt.
Sonne ist nicht abgesagt.
Beziehungspflege sind nicht abgesagt.
Lesen ist nicht abgesagt.
Liebe ist nicht abgesagt.