Predigt für den 26. April 2020

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Liebe Leserin, lieber Leser,

normalerweise wäre jetzt die Hoch-Zeit für Hochzeiten. Aber corona-bedingt ist auch das in diesem Jahr anders. Viele Brautpaare werden ihren großen Tag wohl erst im nächsten Jahr groß feiern können.

Die aktuelle Situation ist aber auch nicht leicht für die, die schon lange verheiratet sind. Krisen sind Zeiten in denen sich Schwierigkeiten verdichten können. Wer sich schon vor der Corona-Krise mit seinem Partner schwer tat, der tut sich jetzt, wohl noch schwerer. Denn wir sind aufgrund der Situation, dass wir nicht wissen wie es weiter geht, alle ein bisschen nervöser und dünnhäutiger als sonst. Dazu kommt noch, dass manche Paare im Home-Office sich gar nicht mehr wie gewohnt aus dem Weg gehen können.

Hoffen wir also, dass die Scheidungsrate nach der Ausgangssperre nicht wieder ansteigt. Denn nach einer Scheidung ist nicht alles wieder gut.

Trennungen gab es aufgrund der unterprivilegierten Stellung der Frau vor 100 Jahren viel seltener. Besser war das Leben in den Familien deshalb aber wohl auch nicht. Blicken wir noch weiter zurück, dann finden wir schon in der Bibel Gesetze über Ehescheidung. Es ist also nichts neues, dass Beziehungen scheitern.

In biblischen Zeiten reichte es schon aus, dass eine Frau keine Kinder bekommen konnte, um aus dem Ehebund verstoßen zu werden. Die heile Familie gab es also auch in der biblischen Zeit nicht. Sogar Josef wollte Maria verlassen, als er hörte, dass sie von einem anderen schwanger war.

Aber auch schon bei den Stammvätern Israels, Abraham, Isaak und Jakob gab es immer wieder Ehekrisen. Von Abraham und Sara, die ja ursprünglich Abram und Sarai hießen, hören wir heute:

Gen 16,1-16

1 Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind. Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hieß Hagar. 2 Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der HERR hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais. 3 Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre ägyptische Magd Hagar und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau, nachdem Abram zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatte. 4 Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Herrin gering. 5 Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der HERR sei Richter zwischen mir und dir. 6 Abram aber sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt; tu mit ihr, wie dir’s gefällt. Da demütigte Sarai sie, sodass sie vor ihr floh. 7 Aber der Engel des HERRN fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur. 8 Der sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen. 9 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand. 10 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können. 11 Weiter sprach der Engel des HERRN zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört. 12 Er wird ein Mann wie ein Wildesel sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird sich all seinen Brüdern vor die Nase setzen. 13 Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat. 14 Darum nannte man den Brunnen: Brunnen des Lebendigen, der mich sieht. Er liegt zwischen Kadesch und Bered. 15 Und Hagar gebar Abram einen Sohn, und Abram nannte den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael. 16 Und Abram war sechsundachtzig Jahre alt, als ihm Hagar den Ismael gebar.


Liebe Gemeinde,

Kinder sind die größte Freude für ein Ehepaar, aber sie sind auch die größte Herausforderung. Wenn sie da sind kann es soweit kommen, dass sich ein Ehepaar bei der Sorge um die Kinder als Ehepaar völlig aus den Blick verliert. Aber auch wenn ein Paar keine Kinder bekommen kann, oder nur einer oder aber einer kein Kind bekommen will, kann das eine Ehe schwer belasten.

Keine Kinder zu bekommen, das war in der biblischen Zeit noch schlimmer als heute. In Zeiten ohne Rentenversicherung war Kinderlosigkeit ein beängstigendes Problem. Für den reichen Abraham mit seinen Knechten war das wohl weniger ein Thema. Der gesellschaftliche Makel blieb. Ohne Kinder kein Erbe und keine Zukunft.

Sara greift in ihrer Not zu einem für uns höchst anrüchigen, damals aber völlig normalen Mittel: sie gibt ihre persönliche Magd Hagar Abraham als Zweitfrau. Abraham wird da nichts dagegen gehabt haben. Er hatte wahrscheinlich seinen Spaß mit dem jungen Ding. Hagar selbst wurde nicht gefragt.

Man fühlt sich hier fast an die Vergewaltigung von Frauen in Kriegszeiten erinnert. Für uns ist dieser Vorgang ein biblischer Skandal, damals war das völlig üblich. Womöglich meinten es sogar noch alle gut, aber seelisch muss das eine belastende Situation für alle drei gewesen sein.

Als Hagar schwanger ist, empfindet sie einen neuen Stolz. Sie ist nicht mehr die unbedeutende Magd, sondern die Zweitfrau. Zudem bekommt sie ein Kind vom Hausherrn, und zwar das erste Kind überhaupt, den Erben. In dieser Privilegierten Situation möchte sie sich von Sara nicht mehr wie Magd behandeln lassen.

Gleichzeitig erkennt Sara, dass ihr Gedanke, dass sie ein Kind durch die Sklavin bekommen könnte, ein Irrglaube war. Durch diese Zweitfrau wird ihre Position nicht gestärkt, sondern geschwächt.
Zickenkrieg muss noch harmlos klingen für den Machtkampf, der damals zwischen Hagar und Sara ausbrach. Eine untragbare Situation ist da plötzlich, obwohl es doch alle nur gut gemeint hatten.

Letztlich ist Sara nicht nur die Lustgespielin von Abraham, sondern seine Vertraute und sitzt damit am längeren Hebel. Sie gibt an der ganzen Misere Abraham die Schuld, der wiederum weiß sich nicht anders zu helfen als Hagar in Hand Sarahs zu geben. Sara nutzt das schamlos aus und demütigt die schwangere Hagar, bis sie in die Wüste flieht.

In der Wüste kommt Gott durch einen Engel zu Hagar. Gott nimmt ihr Elend wahr, er spricht ihr Mut zu. Aber er verurteilt niemanden, weder Hagar, die sich aufgrund ihrer neuen Rolle Sara gegenüber aufgespielt hat, noch Sara, die alles angezettelt hat und dann nicht damit umgehen kann, und auch nicht Abraham, der das böse Spiel brav mitmacht, nur um mit seiner Frau keinen Ärger zu haben. Gott schickt Hagar sogar wieder zurück in die alte Situation. Denn es gibt keine Alternative. Was soll sie sonst machen? Nur eins weiß Hagar jetzt: Gott geht mit mir.

Sie kehrt also zurück und bekommt einen Sohn: Ismael. Sie lebt weiter als Dienerin mit Sara und Abraham. Sie fügt sich. Sie freut sich an ihrem Sohn, genauso wie Abraham.

Dass die Probleme noch lange nicht gelöst sind, zeigt sich Jahre später. Denn Abraham und Sara bekommen doch noch ein gemeinsames Kind: Isaak. Diese Geschichte finden wir im 21. Kapitel des 1. Mose (21,8ff). Isaak wächst heran und scherzt mit seinem großen Halbbruder Ismael. Als Sara das sieht, wird ihr bewusst, dass ihr Kind mit dem Kind ihrer Magd das Erbe teilen muss. So fordert sie von Abraham seine Zweitfrau und seinen erstgeborenen Sohn zu vertreiben. Das zu hören, gefällt Abraham gar nicht. Aber Gott rät ihm, zu tun, was seine Frau sagt. Gott verspricht, sich auch um Ismael zu kümmern und für seine Zukunft zu sorgen. So gibt Abraham den beiden noch etwas Proviant und Wasser mit und schickt sie in die Wüste, wenn’s auch schwer fällt.


Nun steht Hagar endgültig vor dem Nichts: Jahrelang hat sie sich eingefügt, hat sich arrangiert, ihren Platz eingenommen, den man ihr ließ, aber nun steht sie allein da mit ihrem Sohn, wieder in der Wüste. Als Wasser und Brot alle sind und Ismael vor Hunger und Durst schreit, gibt sie auf – sie lässt Ismael zurück, denn sie glaubt er muss vor Durst sterben und kann es nicht mit ansehen. Ismael, das Kind, unschuldiges Opfer des ganzen Schlamassels. Da hört sie wieder Gott sprechen:

„Was ist mit dir, Hagar? Fürchte dich nicht. Steh auf, nimm den Jungen und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zu einem großen Volk machen.“ Und Gott öffnet ihr die Augen, so entdeckt sie einen Wasserbrunnen. Sie gibt Ismael zu trinken. Es geht wieder weiter. Sein Leben hat Zukunft.

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte ist voller Unrecht. Es ist grausam und brutal wie Hagar von Abraham und Sara behandelt wird. Aber genau so ist das Leben auch heute noch. Heute sind die Umstände die dazu führen, dass ein Elternteil allein mit Kind oder Kindern dasteht anders. Aber die Gefühlslage ist oft ähnlich. Wie Hagar  in der Wüste stehen, sich überfordert fühlen, das bisherige Leben und alle Zukunftsvorstellungen kaputt. Und das, obwohl alle Beteiligten doch immer nur Gutes wollten. Wo fing es an? War da schon von Anfang an der Wurm drin? Habe ich falsche Erwartungen gehabt? An welchem Punkt hat einer von uns den falschen Schritt getan?

Auch bei heutigen Trennungen ist es manchmal schwer, im Nachhinein zu unterscheiden, wo und wann die Weichen in die falsche Richtung gestellt wurden. Kein Partner kann sich aus der Verantwortung ziehen, aber gegenseitige Schuldzuweisungen bringen ja nichts. Und dann gibt es oft noch die vielen Verurteilungen und Schuldzuweisungen von anderen, von Familienmitgliedern, Freundinnen, Kumpels, Nachbarn…

In der Geschichte von Sara, Hagar und Abraham hören wir keinerlei Schuldzuweisungen und Wertungen. Dabei würde mir eine Menge Kritik einfallen zum Verhalten der beteiligten Personen, wie sie miteinander und mit ihren eigenen Gefühlen umgegangen sind.
Sogar Gott verurteilt und wertet nichts. Gott lässt das ganze Unrecht zu. Er reagiert auf die gescheiterten und fehlerhaften Versuche dieser drei, indem er alle Beteiligten segnet.

Das Bemerkenswerte an Hagars Geschichte ist der Segen für Hagar und Ismael. Hagar ist die einzige Frau, die einen Segen zugesprochen bekommt, wie ihn sonst nur die Stammväter in ihren gesellschaftlich anerkannten Ehen zu hören bekommen.
Sie, die Ägypterin, die arme, unfreie Frau, die plötzlich ohne jeden gesellschaftlichen Status und ohne Unterstützung mit ihrem Kind allein und verzweifelt in der Wüste steht, eine verzweifelte Frau nach einer gescheiterten Dreiecksgeschichte, in der sie vielleicht Fehler gemacht hat, aber in der sie vor allem Opfer der Mächtigeren geworden ist: Sie wird gesegnet. Sie bekommt die Kraft, ihren Sohn großzuziehen und ihm Zukunft zu eröffnen. Sie bekommt die Verheißung, die sonst nur den Stammvätern vorbehalten ist: Gott sagt zu ihr:

„Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können. Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, den sollst du Ismael nennen. Ich will ihn zu einem großen Volk machen.“

Es ist sicher nicht ideal, nach einer gescheiterten Beziehung allein mit den Kindern dazustehen, und wie wir wissen, leiden gerade die Kinder oft unter Streit und Trennung. Aber diese Geschichte zeigt mir, dass Gott auch dann den weiteren Weg segnen kann, dass Gott hinausführt über Wertungen, Schuldzuweisungen und Resignation. Vielleicht ist es schwer, hinzunehmen, dass Gott hier so gar nicht wertet. Aber es geht ihm nicht um Abrechnung, sondern darum, Zukunft zu schenken.

Hagar gibt Gott einen Namen, als er sie das erste Mal in der Wüste anspricht und ermutigt: „Du bist der Gott, der mich sieht“. Hagar erlebt, dass sie wahrgenommen wird in ihrer Situation. Ihr Leid wird anerkannt. Sie ist nicht ganz allein.

Beim zweiten Mal ist sie es, die sieht, denn Gott öffnet ihr die Augen. So sieht sie den Wasserbrunnen und kann sich und ihr Kind retten und sich das Leben neu erobern.

Am Ende von gescheiterten gemeinsamen Wegen ist beides wichtig: Wahrgenommen werden in der schwierigen Situation, ohne Verurteilungen. Und dann, im Bewusstsein: „Ich bin nicht allein“, neue Perspektiven entdecken. Denn in jeder Situation gilt: „Du bist der Gott, der mich sieht“. Und dieser Gott zeigt auch neue Wege.
Eine kleine Randbemerkung in der weiteren Geschichte nehme ich als Zeichen dafür, dass diese Familiengeschichte keine Geschichte menschlichen Scheiterns bleibt: Als Abraham viele Jahre später stirbt, begraben die beiden Söhne, Ismael und Isaak gemeinsam ihren Vater. Daraus schließe ich: Die beiden Brüder sind bei alledem nicht zu Feinden geworden.

Gescheiterte Beziehungen und durchkreuzte Lebensentwürfe bedeuten also nicht das Ende von Gottes Segen auf unserem Lebensweg. Amen.