Predigt für den 5. Juli 2020

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17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Liebe Gemeinde,

heute geht es im Predigttext um die Rache. Rache ist süß, sagt man bei uns. Warum eigentlich gerade süß? So ganz genau habe ich das bei meinen Predigtvorbereitungen nicht herausgefunden. Aber Rache hat etwas Befriedigendes so wie eine süße Tafel Schokolade.

Allerdings ist die Befriedigung sowohl bei der Schokolade wie bei der Rache nur kurzfristig. Sowohl Schokolade wie auch Rache lösen keine Probleme, sondern machen sie nur noch größer.

Rache ist nichts Gutes und doch würde lügen, wer behauptet, noch nie Rachegelüste gehabt zu haben. Mir wurde kürzlich das Kennzeichen vom Auto abgerissen. Die Halterung war richtig zerfetzt. Es wurde also nicht verloren, sondern mutwillig geklaut. Ich habe keine Ahnung, wer das war. Aber am liebsten würde ich dem Dieb eine saftige Watschen verpassen.

Rache ist ein zutiefst menschliches Phänomen. Die Literaturgeschichte ist voll davon:

– Im Nibelungenlied plant Krimhild über Jahre den Mord an Siegfried zu rächen.

– Hamlet versucht in Shakespeares Tragödie den Tod seines Vaters zu sühnen.

– Und im Besuch der alten Dame von Dürrenmatt erkauft sich eine Milliardärin ihre Rache.

Um Rache geht es erst recht in der Bibel. Im Stammbaum von Kain stoßen wir auf Lamech. Er behauptet von sich: „Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule. Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“ (1. Mose 4,23f).

Wenn alle nach diesem Prinzip gelebt hätten, dann gäbe es heute wohl deutlich weniger Menschen auf unserem Planeten, wenn überhaupt noch.

Um dieser ausufernden Rache einen Riegel vorzuschieben, hat man im alten Orient einen Grundsatz erfunden, der für uns brutal klingt, der aber damals durchaus Sinn machte:

Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß.“ Wer einen anderen so schwer verletzt, dass der einen bleibenden Schaden hat, dem soll ebensolches zugefügt werden. Wie du mir, so ich dir.

Auch wenn dieses Prinzip in den Mosebüchern mehrfach erwähnt wird, wurde es vermutlich kaum angewendet. Dieses Gesetz war ähnlich wie die Atombombe v.a. ein Mittel zur Abschreckung.

Spannend ist, dass im Alten Testament sogar Gott ein Rachegefühl zugeschrieben wird. Am deutlichsten sagt das der Prophet Nahum gleich am Anfang seines Prophetenbuches: „Der HERR ist ein Rächer an seinen Widersachern; er vergisst es seinen Feinden nicht.“ (Nahum 1,2b). Und im 5. Buch Mose sagt Gott: „Die Rache ist mein, ich will vergelten“ (5. Mose 32,35)

Das klingt so gar nicht nach einem Gott der Liebe. Aber auch hier ist der Grundgedanke gut und heilsam: wir Menschen sollen die Rache Gott überlassen und nicht selbst Rache üben.

Auf Rache verzichten. Wenn das nur so einfach wäre, wie es Paulus im Römerbrief schreibt. Rache ist eben süß. Und deshalb sind wir nach Verbrechen immer schnell dafür härtere Strafen zu fordern, ganz egal ob bei Gewaltverbrechen oder Verkehrssündern. Dabei sind die Länder mit den härtesten Strafen gerade nicht die sichersten.

Und doch hätte ich nichts dagegen, wenn es für Kennzeichen-diebstahl eine Haftstrafe geben würde. Denn der Sachschaden ist ja nur das eine. Umso mehr man über den Diebstahl nachdenkt, umso unruhiger wird man. Am Ende misstraut man jedem, der vorbeigeht.

Ein befreundeter Polizist riet mir, die Sache schnell abzuhacken und zu vergessen. Ein abgerissenes Kennzeichen ist nur ein Bagatellverbrechen. Da füllt die Polizei ein Formular aus und legt es zu den Akten. Mehr geschieht nicht. Und wenn man doch jemanden finden und hart bestrafen würde, dann wäre der Täter anschließend vielleicht noch mehr anstellen, weil er sich rächen möchte.

Das hat mich in meinem Wunsch nach Rache oder zumindest ausgleichender Gerechtigkeit nicht ganz befriedigt. Es fällt mir schwer jemanden zu vergeben, der in Zeiten, wo wir aufgrund der Corona-Krise mit gewaltigen Probleme zu kämpfen haben, nichts anderes zu tun hat, als Leute sinnlos zu ärgern.

Vergebung ist gar nicht so einfach. Das hat auch der Jünger Petrus schon gemerkt und Jesus gefragt: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. (Matthäus 18,21f)

Siebzigmal siebenmal, das übertrifft deutlich die siebenundsiebzigmal, die Lamech gerächt werden wollte. Vergebung muss also um ein vielfaches häufiger praktiziert werden als Rache, damit sich unsere Welt zum Guten wandelt.

Das ist unglaublich mühsam, aber besser als der ewige Rachekreislauf. Stellen wir uns doch nur mal vor in unserem Ort würde man sich gemäß dem Auge um Auge, Zahn um Zahn alles heimzahlen und nichts vergeben. Dann wären wir am Ende eine Gemeinschaft von lauter Blinden und Zahnlosen. Das wäre gar keine Gemeinschaft mehr und jeder hätte Angst vor der nächsten Racheaktion oder vor der darauffolgenden Strafe.

Nein, danke, da erzähle ich lieber die Geschichte von Erino Dapozzo. Erino wurde während der Nazi-Herrschaft in einem Konzentrationslager gefangen gehalten. Aufgrund der Schinderei ist er dort immer mehr abgemagert. Am Weihnachtsabend ließ ihn der Kommandant rufen. Während der Kommandant vor einer reich gedeckten, festlichen Tafel saß, musste Erino stehend und hungernd zusehen, wie sich der Kommandant all die Leckerbissen schmecken ließ..

Dann meinte der Kommandant: „Ihre Frau ist eine gute Köchin. Seit sieben Jahren schickt ihnen ihre Frau Pakete mit kleinen Kuchen, die mir gut schmecken.“

Erino kämpfte mit den Tränen. Seine Frau und Kinder hatten von ihren ohnehin kargen Essensrationen gespart, um ihn am Leben zu halten und nun aß der dicke Kommandant frech vor seinen Augen die Nahrung seiner Kinder. Nicht einmal am Kuchen zu riechen  erlaubte der Kommandant Erino.

Als der Krieg vorüber war, suchte Erino diesen Lagerkommandanten und fand ihn nach zehn Jahre. Erino wurde vom Kommandanten nicht gleich wieder erkannt. Mittlerweile war er nicht mehr nur ein Schatten seiner selbst wie im KZ. „Ich bin Nummer 17531. Erinnern Sie sich an Weihnachten 1943?“, fragte Erino.

Der Kommandant bekam Angst: „Sie sind gekommen, um sich zu rächen?“ „Ja“ bestätigte Erino und öffnete ein großes Paket. Ein großer Kuchen kam zum Vorschein. Dann aßen sie zusammen den Kuchen und tranken Kaffee.

Das ist doch keine Rache, mag sich der ein oder andere jetzt denken. Eigentlich nicht und doch eine Genugtuung. Erino tut damit, was in der Bibel steht: Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.

Dieser Erino ist ein echter Held. Er hat das Böse mit Gutem überwunden. Er hat nicht versucht seinen Feind zu besiegen, sondern er hat ihn zum Freund gemacht.

Ob mir das mit dem Kennzeichen-Dieb gelingen wird? Wer weiß, vielleicht werde ich ihm im Rahmen einer Taufe oder Hochzeit ja sogar unwissend einmal im Gottesdienst hier in der Kirche zu Gast haben. Vielleicht feiern wir dann auch das Abendmahl gemeinsam und teilen das Brot der Versöhnung und den Kelch des Heils.

Andere ballen ihre Fäuste – wir öffnen hier in der Kirche unsere Hände. Andere rufen nach Vergeltung – wir sprechen von Vergebung. Andere brüllen aus Hass – wir singen von Liebe.

Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden, fordert uns die Bibel heute auf. Verzichten wir also auf die Rache und durchbrechen wir den Teufelskreislauf von Auge um Auge. Oder um es mit den Worten von Wilhelm Busch zu sagen:  

Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, das man lässt.“